vol.at Story

Unter der Wahrnehmungsgrenze

600 Euro reichen nicht zum Leben:
Armut ist in Vorarlberg Alltag.

Von Marc Springer, Florian Bittner, Pascal Pletsch, Gerold Riedmann

K ein Kontakt zur Familie, manisch depressiv, Schulden und zu Weihnachten wieder einmal alleine: Tone* muss mit rund 600 Euro im Monat auskommen. Alles inklusive. Und das geht sich oft genug nicht aus.

Tone ist durch seine Krankheit in die Armutsspirale geraten. Der 48-Jährige ist manisch depressiv, befindet sich seit 23 Jahren in psychiatrischer Behandlung, wie er sagt. Vor der Krankheit, da war’s anders: er war verheiratet, hat zwei Kinder. Doch der Kontakt zur Familie und seiner geschiedenen Frau ist abgebrochen. „Die wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.“ Über den Auslöser möchte er heute allerdings nicht mehr sprechen. Das sei vorbei. Er möchte nur noch sein Leben leben. 14 Jahre habe er „gebuckelt“, seit 2004 ist er – krankheitsbedingt – in Frühpension.

Tone lebt in einer kleinen Wohnung in Bregenz - alleine. Die Miete kann er sich nur durch Zuschüsse wie die Wohnbeihilfe leisten. Das Budget ist knapp: Mit rund 500 bis 600 Euro muss er im Monat seinen Lebensunterhalt bestreiten. Das reicht nicht immer, weshalb der 48-jährige Frühpensionist auch das Angebot von „Tischlein deck dich“ in Anspruch nimmt und Lebensmittel, die andere nicht mehr kaufen wollen, erhält. Im Gegensatz zu anderen hat er sich nie dafür geschämt, dass er auf „Tischlein deck dich“ angewiesen ist. Seit sieben Jahren kommt er regelmäßig zu den Verteilaktionen. „Ich nehme mit, was ich mitnehmen darf – nicht mehr und nicht weniger.“ Die letzte Ration ist bereits aufgebraucht. Nur noch ein bisschen Brot, Nudeln, etwas Milch und Tee hat er vorrätig. Tone raucht nicht und auch Alkohol trinke er nur selten. „Hin und wieder mal ein oder zwei Bier“, sagt er. „Das muss ab und zu sein. Was hab ich denn sonst noch vom Leben?“ Ansonsten verzichtet er auf Alkohol – besonders den harten. Erstens vertrage sich das nicht mit seinen Medikamenten und der Schnaps wecke traumatische Kindheitserinnerungen in ihm. Es muss kein einfaches Leben gewesen sein. Doch wie er hierher gekommen ist, spielt kaum eine Rolle. Heute möchte er bloß ein paar Lebensmittel.

Seit sieben Jahren kommt Tone regelmäßig zu den Verteilaktionen
Seit sieben Jahren kommt Tone regelmäßig zu den Verteilaktionen.

Das Weihnachtsfest wird Tone alleine verbringen. Freunde, die ihn unterstützen oder besuchen, habe er keine mehr. Das war anders, als er noch Geld hatte. Vor ein paar Jahren gab’s sogar eine Erbschaft, doch das Geld hat er unwiederbringlich im Internet „investiert“, wie er es beschreibt. Aus diesem Grund ist der 48-Jährige auch ein Klient der Schuldenberatung. Hoffnung, dass er jemals wieder Kontakt zu seiner Familie haben wird, hat er wenig. Das kann man zwischen den Worten heraushören. Tone macht aber auch nicht den Eindruck, als ob er das unbedingt wollte. Er hat sich mit seiner Situation abgefunden.

Tone* - Name von der Redaktion geändert
Tischlein deck dich

Ein gedeckter Tisch für alle

Elmar Stüttler kämpft täglich gegen Armut.

Es ist dasselbe Prozedere, Woche für Woche. Pünktlich um 16 Uhr beginnt in der Landeshauptstadt die Essens- und Lebensmittelausgabe von „Tischlein deck dich“. Schon eine Stunde davor stehen die Menschen an, um bei der Essensausgabe die Ersten zu sein. Das ist in Bludenz, im Feldkircher Kapuzinerkloster, vor dem Götzner Pfarrzentrum oder dem Dornbirner Kolpinghaus nicht großartig anders - die Hilfsorganisation veranstaltet Woche für Woche eine kleine Tournee durch Vorarlberg.

Elmar Stüttler ist der Gründer des Hilfsprojekts "Tischlein deck dich".

Vor rund zehn Jahren hat Elmar Stüttler „Tischlein deck dich“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel existenzbedrohten Menschen Lebensmittel kostenlos zugänglich zu machen. Waren es am Anfang noch relativ wenige, die seine Hilfe in Anspruch nahmen, sieht das heute dramatisch anders aus. Stüttler ist für Bedürftige ein wichtiger Ansprechpartner geworden. Er wurde mit dem Russpreis ausgezeichnet - Stüttler ist eine Institution.

Bis zu 150 Menschen kommen jeden Freitag zur neuen Ausgabestelle von „Tischlein deck dich“ im Kloster Mehrerau. Mit drei weißen VW-Bussen karren sie die Waren herbei, die den Bedürftigen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Der Handel hatte die Lebensmittel bisher weggeworfen, weil sie entweder eine beschädigte Verpackung aufweisen oder zu nahe am Ablaufdatum sind. Frisches Obst und Gemüse, Brotwaren, Milchprodukte, Getränke, Tiefkühlkost - eigentlich ist alles dabei, was man so braucht.

Scham und Stolz

Die Spielregeln sind klar: pro Kopf werden rund zehn bis zwölf Kilo Lebensmittel ausgegeben. Für eine sechsköpfige Familie entspricht das einer Wochenration von rund 70 Kilogramm. Die Ware ist noch gut, aber im Handel unverkäuflich. Nur wer eine Berechtigungskarte hat, darf Waren beziehen. „Etwa 80 Prozent der Karten werden von der jeweils zuständigen Gemeinde nach Prüfung der Einkommensverhältnisse ausgegeben. Der Rest von der Ifs Schuldenberatung, der Caritas sowie der Aktion Leben“, sagt Stüttler im Gespräch mit VOL.AT. Vielen Besuchern, mit denen wir sprechen, fällt es sichtbar schwer, das Angebot anzunehmen. Die Scham und der Stolz stellen zunächst eine unüberwindbare Hürde dar.

Lucia Fischer engagiert sich ehrenamtlich.
Abholen der Lebensmittel bei Lidl & Co.

Derzeit werden von „Tischlein deck dich“ rund 500 Familien unterstützt. „Insgesamt sprechen wir hier von rund 1.700 Menschen“, nickt Stüttler. 1.700 arme Menschen, mitten unter uns. Die Bedürftigen, die zu den Ausgabestellen in Bregenz, Dornbirn, Götzis, Feldkirch und Bludenz kommen, stammen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten. „Wir kennen viele Schicksale und sehen, dass es den Menschen nicht gut geht. Unter Tränen verlassen sie oft die Ausgabestellen und bedanken sich bei uns. Das geht uns sehr nah.“

„Fast alle sagen 15 Mal Danke, wenn sie Essen erhalten“, sagt Elmar Stüttler. Immer wieder ist Stüttler aber mit dem Vorwurf konfrontiert, dass seine Hilfe nicht die Richtigen treffen könnte, dass „Tischlein deck dich“ ausgenutzt wird und Lebensmittel an Menschen verteilt werden, die mit „dicken, fetten Autos“ vorfahren. „Wir kennen den Vorwurf und sind sehr daran interessiert, das aufzuklären. Wir schauen uns die Autos und auch die Zulassungen an. Das vergleichen wir dann mit unseren Berechtigungskarten“, klärt Stüttler auf. „Es ist aber fast immer so, dass die Autos den Nachbarn, einem Verwandten oder Bekannten gehören. Es ist uns ein großes Anliegen, dass unser Angebot nicht missbraucht wird.“ So ist Helfen eine Komponente, die Kontrolle zwischenzeitlich eine immer wichtigere: „Ich schaue mir hier wirklich jedes Auto an und kontrolliere es. Das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter.“

Helfer und Spender

Stüttlers Engagement ist es zu verdanken, dass im Rahmen von „Tischlein deck dich“ Armut in Vorarlberg nicht nur gelindert, sondern auch sichtbar wird. Am Anfang konnte der Montafoner Tischler sein Projekt nur starten, weil er rund 33.000 Euro aus seiner eigenen Tasche in die Verwirklichung seiner Idee gesteckt hat. Heute kann er durch Spenden die laufenden Kosten in Höhe von rund 100.000 Euro pro Jahr abdecken.

Viele Ehrenamtliche unterstützen "Tischlein deck dich“.

Unterstützt wird Elmar Stüttler von vielen Ehrenamtlichen, wie Lucia Fischer, die die Ware (rund 12 Tonne pro Woche) einsammeln, sortieren und ausgeben. Und dann sind da noch Sponsoren und Produktspender aus ganz Vorarlberg, die das Hilfsprojekt unterstützen.

Bleibt die Frage, weshalb sich Elmar Stüttler das alles antut. „Ich war selber sehr krank und habe Hilfe erfahren. Das möchte ich jetzt einfach zurückgeben.“ Seine Kraft und Motivation schöpft er aus seinem Glauben.

Armut in Vorarlberg in Zahlen

Vorarlberg als negatives Schlusslicht

Jeder sechste Vorarlberger ist armutsgefährdet

Nicht immer zeigt Armut ein derart dramatisches Gesicht wie im gestern bekannt gewordenen Fall von Bettina Schöttl (29) und Markus Wolf (31). Die schwangere Bettina und ihr Partner leben seit einem Jahr in einem Zelt an der Dornbirner Ach. Durch alle sozialen Netze gefallen, mitten in Vorarlberg, VOL.AT berichtete. Dabei ist jeder sechste Vorarlberger armutsgefährdet - am stärksten von Armut bedroht sind Alleinerzieher und kinderreiche Familien.

Armutsgefährungsquote

Rund 1,2 Millionen Österreicher (14,4 Prozent) waren im Jahr 2012 armutsgefährdet. Das geht aus erst vorgestern von der Statistik Austria veröffentlichten Zahlen des EU-Sozialberichts SILC zu Einkommen und Lebensbedingungen hervor. Negatives Schlusslicht bei der Armutsgefährdungsquote bildete im Jahr 2012 ausgerechnet das Wohlstandsland Vorarlberg. Von den 243 befragten Haushalten fallen 17,5 Prozent in die Gruppe der Armutsgefährdeten. Das heißt, rund jeder sechste Vorarlberger ist akut bedroht. Als armutsgefährdet gelten laut Definition der Statistiker jene Haushalte, deren Nettohaushaltseinkommen bei weniger als 60 Prozent des Medians aller Einkommen liegt. Schwellenwert für die Gefährdung war in Österreich 2012 ein Betrag von 1.090 Euro pro Monat für Alleinlebende, plus 327 Monat pro Monat für jedes Kind unter 14 Jahren und 545 Euro für jeden zusätzlichen Erwachsenen.

Finanzmittel und Entwicklung der Anträge

Kein Märchen, sondern Realität

Seit sechs Jahren unterstützt auch die Vorarlberger Volkshilfe mit ihrer Schulstartaktion bedürftige Familien mit schulpflichtigen Kindern. Gestartet wurde 2008 mit 35 Anfragen, heuer haben 284 Vorarlberger Familien um finanzielle Unterstützung gebeten. „Kinderarmut ist auch bei uns kein Märchen, sondern leider Realität“, sagt Annegret Senn, die den Landesvorsitz der Volkshilfe seit zwölf Jahren innehat. Zu viele Familien gebe es auch hierzulande, die sich, um einige Beispiele anzuführen, keine „Investitionen“ wie eine neue Schultasche oder den Eintritt ins Hallenbad leisten können.

In den vergangenen sechs Jahren hat die Volkshilfe das Datenmaterial von rund 1.200 armen oder als armutsgefährdet bezeichneten Familien mit Schulkindern sammeln können. Bei der Auswertung der Daten sei man auf eine „alarmierende Entwicklung“ gestoßen, wie der stellvertretende Landesvorsitzende Hubert Lötsch betont. Die finanziellen Mittel etwa, die eine Familie nach Abzug der Fixkosten monatlich noch zur Verfügung hat, sind demnach in den vergangenen drei Jahren massiv zurückgegangen. So hatten die „Volkshilfe-Familien“ im Jahr 2011 durchschnittlich noch 432 Euro zur Verfügung, heuer sind es nur noch 385 Euro. Auch zeige sich durch die Auswertung, dass ein Großteil der Befragten (62 Prozent) trotz fixem Erwerbseinkommen armutsgefährdet ist. Bei mehr als 50 Prozent der Familien habe sich die finanzielle Situation im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert. Eine typische „arme“ Familie besteht in Vorarlberg aus durchschnittlich 4,5 Personen und ist nicht „sichtbar“ arm. Trotzdem kann sie ihr Leben nicht mehr ausreichend finanzieren.

Bedarfsorientierte Mindestsicherung 2011 Bedarfsorientierte Mindestsicherung 2012 Bedarfsorientierte Mindestsicherung 2013

Die Mindestsicherung steht Menschen zu, die weniger als die Mindestpension – 753 Euro für Einzelpersonen – verdienen. In Vorarlberg hätten demnach rund 17.000 Personen Anspruch auf Mindestsicherung, bezogen wird sie laut Studie aber nur von 48 Prozent. Im Jahr 2011 bezogen 8.168 Personen in Vorarlbeg die Mindestsicherung. Im Jahr 2012 stieg diese Zahl auf 8.583 Personen.

27 Prozent der Bezieher sind laut Armutskonferenz Kinder und Jugendliche in Mindestsicherungshaushalten. 30 Prozent sind Beschäftigte mit niedrigem Einkommen oder Personen, die nicht arbeiten können – weil sie Angehörige zu pflegen oder Kleinkinder zu betreuen haben. Hilfe zur Selbsthilfe wird Mindestsicherungsbeziehern seit 2008 auf der BH Feldkirch angeboten. Dabei werden individuelle Hilfspläne erstellt, wie Betroffene aus der Mindestsicherung wieder herauskommen. „Es läuft gut. Beim Land gibt es Überlegungen, das Projekt auf andere Behörden zu erweitern“, informiert Bezirkshauptmann-Stellvertreter Herbert Burtscher.

Kapitel 4

Armut ist in Vorarlberg ein Tabuthema

Das Thema Armut ist in Vorarlberg für viele Menschen immer noch ein Tabuthema. „Geld hot ma und ma redat net drüber“ sagt der Volksmund. Doch immer mehr Menschen kämpfen mit der Armut. Steigende Lebenshaltungskosten sowie sinkende oder stagnierende Löhne führen viele Menschen und Familien in die Armut. Doch anstatt darüber zu sprechen schweigen viele lieber. Die Scham ist in unserer vermeintlich prosperierenden Leistungsgesellschaft einfach zu groß. „So gesehen ist Armut in Vorarlberg auch oft unsichtbar“, sagt Peter Kopf, Geschäftsführer der Ifs Schuldenberatung in Bregenz. Vielen sieht man die Armut auf den ersten Blick nicht an. Bis zu 2.500 Menschen kommen jedes Jahr zur Ifs Schuldenberatung. Vor zehn Jahren lag diese Zahl noch weit unter 2.000.

Peter Kopf, Ifs Schuldenberatung

Die Gründe, warum Menschen in die Armutsspirale geraten, sind laut Kopf so vielfältig wie das Leben. Einerseits schaffen Kinder aus armen Familien den sozialen Aufstieg nicht, anderseits sind oft einschneidende Erlebnisse wie eine schwere Krankheit, ein Unfall, Scheidung oder Kündigung der Anfang vom Ende.

Wer weniger als 1.000 Euro verdient ist laut Peter Kopf gefährdet. Armut ist ein Thema, das durch alle Altersschichten geht. 30 Prozent der Armen sind Kinder und Jugendliche. Hier müssen laut Kopf ganz wichtige Anstrengungen unternommen werden um gegenzusteuern. Doch seine Klienten ziehen sich durch alle Altersschichten. „Ganz neu ist, dass auch immer mehr ältere Menschen unter die Armutsgrenze rutschen. Hier haben wir die stärksten Zuwachsraten“, sagt Kopf.

LH Markus Wallner

Das Land Vorarlberg versucht mit mehreren Initiativen und Hilfsangeboten der Armutsfalle entgegenzuwirken. „Armut darf kein Tabuthema sein“, sagt Landeshauptmann Markus Wallner im Gespräch mit VOL.AT. Allerdings: Mehrere private Initiativen zeigen eindrucksvoll, dass es immer wieder Mitmenschen gibt, die auch in Vorarlberg durch die sozialen Netze fallen. Wallner will auch im Budget 2014 verstärkt Mittel für soziale Initiativen reserviert haben, um Armut zurückzudrängen - und Armutsgefährdete zurück in die Mittelschicht zu holen.

Hilfsorganisationen

Die Armut lindern

So können Sie helfen

VOL.AT stellt die Hilfsorganisationen in den Mittelpunkt, die das ganze Jahr über gegen Armut in Vorarlberg kämpfen und Bedürftigen aus unserer nächsten Nähe mit tatkräftiger Hilfe beistehen.

  • Tischlein deck dich
    Spendenkonto:
    Raiffeisenbank Montafon
    IBAN: AT763746800000429894
    BIC: RVVGAT2B468
    Werden Sie Mitglied: Der Jahresmitgliedsbeitrag beläuft sich auf 25 Euro.
    Webseite
  • Verein "Ma hilft", eine Initiative der VN
    Spendenkonto:
    Bank Austria
    IBAN: AT711100000847547700
    BIC: BKAUATWW
    Webseite
  • Netz für Kinder
    Spendenkonto:
    Hypo-Bank Feldkirch
    IBAN: AT985800012261729111
    BIC: HYPVAT2B
    Webseite
  • WANN & WO hilft
    Spendenkonto:
    Volksbank
    Kontonummer: 0501171060
    Bankleitzahl: 20602
    Webseite
  • Caritas Vorarlberg
    Webseite
  • Volkshilfe Vorarlberg
    Webseite