„Nur das Gebäude ist neu"
Der Vorarlberger Hof kehrt zurück
Der Umbau im Adler in Au.
Der Umbau im Adler in Au.
Audio wurde mit KI generiert
Kurze Zusammenfassung:
Der Verein Arbeiterheim und die E4 Investment GmbH setzen Akzente im Dornbirner Zentrum.
Raum für Wohnen, Handel, Gastronomie und Büros ist neu entstanden.
Adriano Leonardi fuhr an einem ganz gewöhnlichen Tag an einer Baustelle vorbei. Er sah das Rohgerüst des Gebäudes in der Viehmarktstraße, schrieb eine E-Mail und wartete. Die Antwort kam schnell. Schon bald wird er dort — wo früher schon einmal italienisch gekocht wurde — die Pizzeria Bella Napoli neu eröffnen.

Die älteste Pizzeria Vorarlbergs zieht um. Adrianos Großvater hatte sie 1987 gegründet, nach dem Weg aus Süditalien über die Schweiz ins Land. Adriano selbst hatte zuerst Maler und Lackierer gelernt, dann umgesattelt, das Handwerk von Grund auf neu erlernt. Heute fertigt er sogar den Teig seiner Pinsa selbst. Was ihn am neuen Standort am meisten freut? Der Gastgarten. Das bisherige Lokal hatte keinen. „Es wäre schön, wenn wir durch den Gastgarten nicht mehr nur ein reiner Winterbetrieb wären", sagt er.
Eine kleine Geschichte in einer großen. Was in der Dornbirner Innenstadt gerade fertig wird, ist mehr als ein Bauprojekt.





1903 wurde der Verein Arbeiterheim gegründet. Die Gasthäuser in Dornbirn gehörten damals großteils den Industriellen. Wer sich gewerkschaftlich organisierte, war dort nicht willkommen. Franz Rößner und Johann Saxenhammer wollten das ändern.
1919 kaufte der Verein das Haus in der Viehmarktstraße. Es wurde Treffpunkt, Bühne, Schlafstatt, Versammlungsort. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Verein zur Auflösung gezwungen, das Haus enteignet. Nach dem Krieg bekam er es zurück — musste dafür aber die ursprüngliche Kaufsumme erstatten. Das Haus wurde gewissermaßen ein zweites Mal bezahlt.
„Meine Vorgänger hatten es nicht immer leicht", sagt Thomas Niedermair, der heutige Obmann. 1970 übernahm Alfons Masal eine persönliche Haftung, um eine Renovierung finanzieren zu können. Über Jahrzehnte kamen Angebote, das Haus zu verkaufen. Alle wurden abgelehnt.
Der Vorarlberger Hof war nie nur ein Gasthaus. Er war ein Ort für Menschen, „die nicht auf die Sonnenseite des Lebens gefallen sind", sagt Niedermair. Bis kurz vor dem Abriss war hier der Schülerclub untergebracht – ein gemeinnütziger Verein, der über die Jahre rund tausend Schüler(innen) kostenlos beim Hauptschulabschluss begleitete.

Die Entscheidung für den Neubau war am Ende eine nüchterne: Eine Sanierung hätte rund drei Millionen Euro gekostet, ohne das Haus barrierefrei oder modern zu machen. Das Projekt wird über künftige Mieteinnahmen finanziert – kalkuliert so, dass die Rückzahlungen gedeckt sind. Der Verein bietet damit hochwertigen Wohnraum in verschiedenen Größen mitten im Stadtzentrum zur Miete an.
Dazu kommt im fünften Obergeschoß des Bürogebäudes an der Stadtstraße ein Veranstaltungssaal mit Panoramablick. Dieser ist mit modernster Technik ausgestattet, bietet Platz für bis zu 80 Personen und kann für verschiedene Veranstaltungen gemietet werden.
Dass die E4 Investment GmbH auf dem angrenzenden Parkplatz in der Eisengasse ebenfalls neu bauen wollte, eröffnete Möglichkeiten. „Dem Stadtbild etwas Gutes tun" – das war der Gedanke, der Martin Walser und seine Mitverantwortlichen dazu gebracht hatte, die brachliegende Fläche zu bebauen und die oberirdischen Stellplätze in eine gemeinsame Tiefgarage zu verlegen.
„Uns gefällt das Ergebnis sehr."

Martin Walser
E4 Investment
Was folgte, waren vier Jahre Planung. Innenhof, Spielplatz, Heizsystem über Erdsonden, Tiefgaragenzufahrt über die Stadtgarage – alles entstand gemeinsam. Die Zusammenarbeit mit einem gemeinnützigen Verein war für E4 ungewohnt. „Aber die handelnden Personen waren sehr bemüht, darum hat es auch funktioniert", sagt Walser.








Koordiniert wurde das Ganze von Hanno Bohle, Niederlassungsleiter Vorarlberg bei STC Development. Er übernahm die Projektsteuerung und örtliche Bauaufsicht für beide Bauherren gleichzeitig – vom ersten Konzept bis zur Schlüsselübergabe. Die Baustelle grenzte auf zwei Seiten direkt an die Stadtgarage. Platz war kaum vorhanden. „In einer dicht bebauten Innenstadt gibt es keinen Spielraum für Fehler", sagt er. Das Verhältnis zu den Nachbarn blieb trotzdem gut. Anliegen wurden schnell aufgegriffen, der Dialog nie abgebrochen.
„Wenn man heute davor steht und sieht, wie aus einer Vision Schritt für Schritt gebaute Realität wird, erkennt man, was innerstädtische Nachverdichtung leisten kann, wenn sie ganzheitlich gedacht wird."

Hanno Bohle
STC Development

Drei Gebäude, zwei Bauherren, mehrere Nutzungen, das war die Ausgangslage für das Architekturbüro Dietrich Untertrifaller. Die Aufgabe: eine Abfolge zu schaffen, die sich nicht wiederholt, aber trotzdem zusammengehört.
Die Lösung liegt im Dazwischen. Sitzmöglichkeiten, Bepflanzungen, Fahrradstellplätze bilden den Außenraum, der die Baukörper verbindet. Das erste Gebäude in der Eisengasse zeigt Sichtbeton und Ziegel. Der Vorarlberger Hof entlang der Viehmarktstraße setzt auf verputzte Flächen und einen robusten Sockel. Das Bürogebäude an der Stadtstraße: ein Skelettbau mit großflächigen Verglasungen.
Im März öffnete das erste Geschäft im neuen Gebäudekomplex, während auf den Nachbarbaustellen noch gearbeitet wurde. Christoph und Desiree Riedlsperger haben am E4-Standort die fünfte Filiale von „Max und Stella“ eröffnet, ihrer Vorarlberger Multibrand-Modekette.

Für unser Konzept war es uns wichtig, einen Raum mit passender Raumhöhe zu finden.

Christoph und Desiree Riedlsperger
Max und Stella
Was sie gesucht hatten: Raumhöhe. „Das gibt es kaum", sagen sie. 250 Quadratmeter, 5,5 Meter hohe Decke, eine lange Bar als Community-Point. Kund(inn)en sollen hier nicht schnell kaufen und gehen, sondern verweilen. Mode entdecken, einen Espresso trinken, vielleicht zu einer Weinverkostung bleiben. Fashion-Shows und ein Sommerfest sind bereits geplant. Das Konzept haben sie in Feldkirch bereits erprobt und gute Erfahrungen gemacht. Dornbirn ist der nächste Schritt.
Ein paar Schritte weiter, im neuen Vorarlberger Hof in der Viehmarktstraße, geht es um anderes: ums Wohnen. 15 Mietwohnungen mit zwei oder drei Zimmern, dazu Penthouse-Wohnungen mit Dachterrassen von bis zu 20 Quadratmetern. Jede Einheit hat eine Loggia oder Terrasse.
Niedermair bringt es kurz auf den Punkt: „Wir sind mitten im Zentrum." Und gleichzeitig, fügt er hinzu, müsse man sich dort nicht eingesperrt fühlen.
„Man muss die Fenster nicht öffnen, wenn man das nicht möchte."

Thomas Niedermair
Verein Arbeiterheim
Das Heizsystem funktioniert über Erdsonden — und kühlt im Sommer kostenlos. Photovoltaik versorgt den Allgemeinstrom. Im Notfall kann ein Gebäude das andere mit Wärme versorgen. Was alle verbindet, die dort künftig wohnen und arbeiten — über Eigentümer(innen) und Mietparteien hinaus.







Auch im Nachbargebäude der E4 Investment GmbH in der Eisengasse entstehen zwölf Mietwohnungen sowie eine Etage mit Büroflächen. Die Wohnungen können ab 1. Juni 2026 bezogen werden. Eine Musterwohnung wurde bereits fertiggestellt. Besichtigungstermine sind nach Vereinbarung möglich.




Im Sommer, möglichst im Juli, soll die offizielle Eröffnung stattfinden. Fast genau zwei Jahre nach dem Spatenstich. Über 100 Jahre nach dem ersten Kauf.
Thomas Niedermair sieht den Neubau nicht als Einschnitt. Die Prinzipien des Vereins stehen seit 1903, unverändert: Wohnraum vermieten, ein Gasthaus betreiben, einen Veranstaltungssaal anbieten. Mit dem Neubau wird genau das weitergeführt. Was aus einer Idee von 1903 Schritt für Schritt gebaute Realität wurde, steht jetzt in der Viehmarktstraße.
Nur das Gebäude ist neu. Und diesmal barrierefrei.