Silvia begleitet Menschen auf ihrem letzten Lebensweg

• Als Krankenhausseelsorgerin und Trauerbegleiterin begleitet Silvia Boch seit vielen Jahren Sterbende und ihre Angehörigen – einfühlsam und ohne vorzugeben, den Schmerz nehmen zu können.

• Sie achtet darauf, die Würde jedes Menschen zu bewahren. Manchmal helfen Rituale oder Worte, manchmal genügt es, gemeinsam zu schweigen.

• Ihr Glaube, die Natur, ihre Familie und Freundschaften geben ihr Kraft. Auch ihr Team auf der Palliativstation gibt Rückhalt.

• Die Begegnung mit Krankheit, Abschied und Trauer hat Silvia gelehrt, bewusster zu leben: Endlichkeit macht gemeinsame Zeit und Erinnerungen besonders wertvoll.

• Trauer versteht sie als Ausdruck der Liebe. Rituale wie Beerdigungen und Allerheiligen helfen, Abschied zu nehmen und den Schmerz anzunehmen.

Silvia Boch begegnet solchen Gedanken oft. Als Krankenhausseelsorgerin auf der Palliativstation in Hohenems und Trauerbegleiterin ist sie tagtäglich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Ihrer Tätigkeit geht sie mit ganzem Herzen nach und das spürt man, wenn man mit ihr spricht.

„Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg zu trauern. Dabei gibt es kein Richtig und kein Falsch, manchmal hilft es, einfach nur da zu sein. Ich kann den Menschen Schmerz und Trauer nicht abnehmen, aber ich kann sie dabei begleiten – wie bei einem Tanz: Manchmal ist man sich näher, und dann kommt das Loslassen.“

Ihre Kraftquellen für die Trauerbegleitung sind ihr Glaube und die Natur, erklärt sie und ist dankbar, dass sie diese Werte von ihren Großeltern und Eltern mitbekommen hat. „Ohne meinen Glauben könnte ich diese Tätigkeit nicht machen“, sagt sie und erzählt weiter: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen, die mit dem Tod konfrontiert sind, spirituell werden. Wohin gehe ich? Warum? Was kommt danach? Diese und weitere Fragen beschäftigen die Menschen.“

Wir konzentrieren uns auf unsere Lebensqualität und können uns vieles leisten. Doch Krankheit und Abschied führen einem vor Augen, dass Gesundheit und gemeinsame Zeit nicht bezahlbar sind. Man ist mit einer Ohnmacht konfrontiert. Und dabei wird einem bewusst, was wirklich wichtig ist im Leben. „Würden wir über den Tod so wie beispielsweise über die Einschulung von Kindern sprechen, wäre es kein Tabuthema mehr. Er gehört zu unserem Alltag dazu und vielleicht würde ein offener Umgang manchen die Angst davor nehmen. Oder manche Konflikte würden nicht entstehen.“ Auch Silvia lebt dank ihrer Tätigkeit als Seelsorgerin bewusster und achtsamer.

„Wenn man sterbende Menschen und ihre Zu- und Angehörigen begleitet, bekommt man viel geschenkt. Seither lebe ich intensiver. Es hat mein Leben nicht nur verändert, sondern auch bereichert.“

Der Ursprung von allem war das Stellen von Fragen: „Ich habe immer schon gerne Dinge hinterfragt und habe mich auf die Suche nach Antworten begeben. So habe ich verschiedene Lehrgänge und Ausbildungen gemacht, denn der Mensch, das menschliche Zusammenleben, hat mich immer schon interessiert.“ So führte eines zum anderen und nun engagiert sie sich bereits seit rund 15 Jahren in der Pfarre Leiblachtal. Neben Trauerbegleitungen kümmert sie sich auch um Erstkommunionen oder Familiengottesdienste – eine Lebendigkeit, die ihr guttut.

Unterstützend und wertvoll für die Arbeit ist auch das Team der Palliativstation Hohenems. „Wir haben ein gutes Team, unterstützen uns gegenseitig und ganz wichtig: Es wird viel gelacht. Lachen und Freude haben auch Platz, denn es gibt viele Lichtblicke und schöne Momente.“

„Ich habe dich beim Namen gerufen“

Im Kontakt mit sterbenden Menschen ist Silvia ein würdevoller Umgang besonders wichtig. „Sobald man krank ist, ist man oft Teil eines Systems und vielfach wird der Mensch dahinter nicht mehr gesehen. Mir ist es wichtig, dass die Menschen ihre Würde behalten können“, beschreibt sie. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, den Menschen beizustehen und die Ohnmacht sowie Hilflosigkeit, die viele Menschen nach ihrer Diagnose spüren, mit ihnen auszuhalten. Dabei sind viel Empathie, Fingerspitzengefühl und Intuition gefragt. „Wenn ich an eine Tür klopfe, weiß ich nie, was danach passiert. Manchmal fehlen selbst mir die Worte, doch auch das gehört dazu. Denn manchmal darf man die Situation einfach so nehmen, wie sie ist, selbst, wenn man nur schweigt.“ Bei ihrer Arbeit greift sie auf Rituale wie den Sterbesegen und andere Methoden wie Geschichten oder Metaphern aus der Natur zurück.

Die Kraft dafür schöpft Silvia aus der Natur, ihrer Familie und aus Freundschaften. Täglich geht sie mit ihrem Hund spazieren, dabei kommen ihr die besten Einfälle. Sie liebt die Stille zum Nachdenken, aber auch die Lebendigkeit, beispielsweise beim Singen im Chor. Auch das tägliche Lesen in der Bibel ist ein wichtiges Ritual für sie. „Oft lese ich einen Satz oder ein Wort und das beschäftigt mich dann ein paar Tage. Ich frage mich dann: Was möchte Gott mir damit sagen? Was bedeuten die Worte für mich?“

Manche Menschen hinterlassen ihre Spuren bei Silvia. Und manche Geschichten gehen ihr besonders nah. „Ich bin selbst Mama und darum trifft es mich sehr, wenn Menschen mit kleinen Kindern mit so einem Schicksalsschlag konfrontiert sind“, erzählt sie.

Für Silvia ist Gott wie ein Freund, der immer für sie da ist. Für sie selbst ist ein Leben ohne Gott unvorstellbar. So hat ihr Glaube sie selbst schon durch schwere Phasen geleitet. „Mit Anfang zwanzig hatte ich schwere Rückenprobleme und das hat etwas in mir verändert. Im Nachhinein kann ich sagen, dass meine Schmerzen auch etwas Gutes hatten, denn ohne sie wäre ich nicht die, die ich heute bin.“

Was wäre, wenn es den Tod nicht gäbe?

Vor kurzem hat Silvia diese Thematik in einem Artikel gelesen und sich damit beschäftigt. Für sie ist klar: Wenn wir nicht wüssten, dass unser Leben endlich ist, würden wir vermutlich alles in die Zukunft schieben. Wir würden nicht bewusst leben, würden nicht lieben, würden immer denken: Ich habe noch Zeit. „Der Tod formt unser Leben – aber zum Positiven. Denn so leben wir bewusst, lieben und sammeln schöne Erinnerungen.“

Trauer und Abschiede sind allgegenwärtig im Leben, ob bei einem Umzug, einem Schulwechsel oder beim Wechsel von der Arbeitswelt in die Pension. Doch die Trauer zeigt uns auch, dass wir gelebt und geliebt haben.

Ein wichtiges Ritual ist für Silvia der Weg in die Kapelle der Palliativstation. „Jeden Abend nach der Arbeit gehe ich in die Kapelle und bete. Und da ich nicht alles allein tragen kann, lege ich die Schicksale in Gottes Hände.“

Produziert von Russmedia Digital GmbH für Katholische Kirche Vorarlberg
Texte: Nadine Schnetzer - Fotos: Silvia Boch, Nadine Schnetzer, Andreas Haller, Katholische Kirche Vorarlberg

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